"  B  a  l  l  e  r  i  n  a  "



von Christoph Keller   KOSMOS-autor

Premiere und Uraufführung: 25. September 2003
20.00 Uhr, Hinterbühne Festpielhaus Bregenz

mit
Tatjana Velimirov
Hubert Dragaschnig
Heinrich Mayr


Regie: Augustin Jagg
Bühnenbild: Werner Schönolt
Lichtgestaltung: Markus Holdermann
Kostüme: Heike Huber
Musik: George Nussbaumer




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Im Fauteuil der Stardiplomat Karl Ehrenbold-Rumsfelder, der jüngste Botschafter, den die Schweiz in Washington je hatte, im Rollstuhl der erfolgreiche Schriftsteller Kurt Adler, der vor der Publikation seines mutigsten, weil persönlichsten Buches steht. Des Diplomaten glamouröse Gattin hat mit ihren Fallschirmabsprüngen in den Botschaftsgarten und ihren Pferderitten durch den Saal der Botschaft ihren Gatten in der Welt beliebt und in der Schweiz unbeliebt gemacht, während den Schriftsteller zunehmend der Mut vor seinem mutigen Buch verlässt. Beide brauchen sie eine Auszeit, und dafür eignet sich nichts besser als Karls abgeschiedenes Alpenchalet.



Doch haben sie sich seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen, so dass keiner mehr viel vom andern weiss. Dass Karl drauf und dran ist, seine Dilpomatenkarriere zu verspielen und ohnehin immer ein bisschen vom Schreiben geträumt hat, weiß Kurt nicht. Dass Kurt im Rollstuhl sitzt, weiß Karl nicht.


Hier beginnt das Wochenende aus den Fugen zu geraten: Ist das nicht eine Unverschämtheit? Hat man sich nicht anzumelden, wenn man im Rollstuhl unterwegs ist, wo doch die Schweiz alles andere als flach ist und man auch von den meisten Gebäuden davon ausgehen kann, dass sie für einen guten Teil der Bevölkerung nicht „betretbar“ sind?

Das Wochenende würde im Desaster enden, wäre da nicht der wahre Grund, der die beiden Männer nach so langer Zeit zusammengebracht hat: Francine, eine mysteriöse und auch nicht ganz wirkliche Figur, die Karl und Kurt bei einem Sommeraufenthalt in Frankreich kennen und lieben, nicht aber vergessen gelernt haben. Doch schon längst fällt Schnee, so viel, dass es bald keine Rolle mehr spielt, ob man als Gehender oder Rollender stecken bleibt …

Europa hat 2003 zum „Europäischen Jahr der Menschen mit einer Behinderung“ ausgerufen. In diesem Sinne versteht der Autor sein Stück als Beitrag zu Europa, zum europäischen Verständnis von Gleichberechtigung, von Menschlichkeit und vom hoffentlich baldigen Ende, Leben zu behindern.
Ballerina ist Christoph Kellers fiktive Fortschreibung seines neuesten autobio-graphischen Buches über sein Leben mit einer Behinderung: "Der beste Tänzer" erscheint im September 2003 im S. Fischer Verlag.



KURT:

"Dann hab ich endlich begriffen. Es geht gar nicht ums Geld. Es geht um die Stufen. Die Treppen. Die Hindernisse. Es geht um das Erhalten der Hindernisse. Mein Land - und nicht nur meins – betreibt einen unmenschlichen Aufwand, um diese Hindernisse aufrecht zu erhalten. Es kostet Geld, die Krüppel in überteuerten Kliniken und Altersheimen – an denen die Unternehmer dann allerdings wieder verdienen – an den Rand der Gesellschaft zu verbannen. Das ist es uns wert, all das liebe Geld. Die Krüppel aus dem Straßenbild zu verbannen. Das ist uns alles Geld der Welt wert: Die Krüppel, die wir jede Sekunde unseres Lebens werden könnten, nicht jede Sekunde unseres Lebens sehen zu müssen."