Premieren 2022

„Traum und Wirklichkeit“

„In Zeiten wie diesen“ war Aussage und Frage zugleich, die das Theater KOSMOS letztes Jahr sich selbst und seinen Besucher:innen gestellt hat. „In Zeiten wie diesen“, wo eine Pandemie die Gesellschaft vor große Herausforderungen stellt, wo Rechte und Pflichten gegenüber der Gemeinschaft neu überdacht werden müssen - wie spielt man Theater in Zeiten wie diesen? Wie plant man, wie agiert man? „In Zeiten wie diesen“, wo der Klimawandel die Menschheit zunehmend vor Probleme stellt und der weltweiten Migration nicht mit internationaler Zusammenarbeit, sondern mit chauvinistischer Skepsis begegnet wird - wie agiert man, wie diskutiert man in Zeiten wie diesen?

Das waren Themen, die im letzten Jahr immer wieder aufgetaucht sind und nach wie vor für große Verunsicherung sorgen. Wie stellt man sich der pandemischen Wirklichkeit, wie positioniert man sich in einer verunsicherten Welt, in der Halbwissen und Fake-News das politische Miteinander bestimmen, wo Gewissheiten umstritten sind und Lügen Erfolge versprechen? Welche Strategie wählt man, um Stabilität, Sicherheit und Zuversicht in sein Leben zu bringen. Aus diesen Fragen kristallisiert sich auch das Motto des Spielplans 2022 heraus: „Traum oder Wirklichkeit?“. Dieser dialektischen Fragestellung wollen wir uns dieses Jahr widmen.

Die Vision einer Gesellschaft, die Thomas Gratt, der der extremen Linken zugeordnet wird, im Sinne hatte, war nichts anderes als ein - sein – Traum und für viele ein Albtraum (Die Entführung des Thomas G. von Ben Blaikner). Don Quijote, der berühmteste Wandler zwischen den Wirklichkeiten war, ist nicht nur ein Ritter von der traurigen Gestalt sondern auch leidenschaftlicher Kämpfer für Minne und Gerechtigkeit (Don Quijote, ein Stück weg von der Wahrheit von Philip Jenkins). Ist in Little Italy der Urlaubsflirt der Touristin Elisa mit dem Pizzabäcker Massimo real? Dieses dramatische Gedicht – von Kathi Klein treibt die Frage nach Schein oder Sein auf die poetische Spitze. In Escorial von Michel de Ghelderode wird die Wirklichkeit vom verlotterten König kurzerhand umgewandelt in Illusion, gespiegelt und den eigenen Wunschträumen angepasst.

Traum oder Wirklichkeit. Realität oder Illusion. Tatsache oder Fiktion. Schein oder Sein. Gewissheit, die sich als trügerische Hoffnung erweist. Die Wirklichkeit erscheint uns an manchen dieser Tage als Albtraum. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen oft in einem Dunst aus Information, Desinformation, Polemik und Kritik.

Der KOSMOS Spielplan 2022 balanciert auf dem Grat zwischen Traum und Wirklichkeit.
„Schein oder Sein“ zieht sich durch die Stücktexte der KOSMOS Produktionen 2022.

Uraufführungen und Premieren 2022

Die Entführung des Thomas G.
von Benjamin Blaikner | Uraufführung (Auftragswerk)
Premiere 24. Februar 2022

Die Biografie von Thomas Gratt und seine Beteiligung an der Entführung von Walter Palmers dient als Ansatzpunkt, um gesellschaftspolitische Bewegungen zu hinterfragen, in denen gewaltsamer Widerstand als berechtigte Antwort auf eine perspektivlos empfundene Normalität verstanden wird und Revolutionäre zu Pop-Ikonen stilisiert werden.

Thomas Gratt stammt aus einer katholisch-konservativen Bauunternehmerfamilie und wuchs in Bregenz und Wolfurt auf. Nach der Matura studierte er in Wien Theaterwissenschaft. Sein universitätspolitisches Engagement für die Linke Liste (LILI) führte ihn im Frühjahr 1977 in Hinblick auf das geplante 3.Internationale Russell-Tribunal zur Situation der Menschenrechte in der Bundesrepublik Deutschland zur Mitbegründung des Arbeitskreis Politische Prozesse – Politische Gefangene (APG). Im Frühsommer 1977 wurde Gratt Mitglied der Bewegung 2. Juni und ging in die Illegalität. Er beteiligte sich an der Entführung des österreichischen Unternehmers Walter Palmers am 8. November 1977 und wurde zusammen mit einem Mittäter am 23. November in Chiasso an der italienischen Grenze auf der Flucht festgenommen. Im Februar 1979 übernahm Gratt im Wiener Strafprozess namens der Bewegung 2. Juni die Verantwortung. Er wurde wegen räuberischer Erpressung zu 15 Jahren Haft verurteilt, von denen er 13 Jahre verbüßte. Er stellte kein Gnadengesuch.

Im Dokumentarfilm Keine Insel (Regie: Alexander Binder, Interviews: Michael Gartner), der im Oktober 2006 auf der Viennale erstmals gezeigt wurde, arbeitete Gratt die Geschichte der Entführung auf. Nach Abschluss der Dreharbeiten, aber noch vor der Fertigstellung des Films beging er Suizid.

 

 

Theater KOSMOS

Don Quijote - ein Stück weg von der Wahrheit
von Philip Jenkins | Uraufführung (Auftragswerk)
Premiere: Mai 2022

Schwindler, Hochstapler, Schauspieler - das alles ist er nicht. Der glaubt das wirklich. Dass er ein Ritter ohne Furcht und Tadel ist. Und alle, die ihm nicht zustimmen, sind entweder Feinde oder Marionetten einer mächtigen Weltverschwörung. Solche Menschen gibt es natürlich nicht wirklich. Außer man schlägt morgens die Zeitung auf. Der geistvolle Hidalgo, der 400 Jahre zu spät zur Welt kam, kommt uns 400 Jahre nach seiner Erfindung grade recht: Wahrheit und Verblendung, verrückte Machthaber und hellsichtige Narren, Laienprediger und Laiendarsteller, Treue und Kadavergehorsam - dieser Roman will auf die Bühne wie der Ritter auf sein Pferd. Und wenn er oben ist, dann ist bekanntlich alles möglich.

 

Theater KOSMOS

Little Italy
von Kathi Klein | Uraufführung
Premiere: September 2022

Palermo. Die Touristin Elisa will zu sich selbst finden. Jemand sein. Sie selbst sein. Doch Elisa ist in ihrer Vorstellung Viele. Elisa ist zum Beispiel die fremde Frau im Supermarkt, die sie beim Obst kaufen beobachtet und dabei in Gedanken das Leben der Frau bis zum Tod durchlebt. Im Traum besitzt Elisa einen Hund. In der Realität nicht. Und trotzdem gibt es diesen realen Moment in dem Elisa nach ihrem Hund sucht. Überhaupt, was ist real an diesem Palermo? Was Sehnsucht? Ist der Urlaubsflirt mit Pizzabäcker Massimo real? Klar, den Müll den die drei Müllmänner im Auftrag des Bürgermeisters bis Weihnachten von den Straßen Palermos fegen sollen, der ist echt. Klar, der steht für den Abfall einer pervertieren Konsumgesellschaft. Ja natürlich, der steht auch für die Bankrotterklärung einer überforderten und von der Mafia korrumpierten Verwaltung. Aber ist dieser Müll nicht auch ein Archiv der Gegenwart? Sind die nicht abgeschickten Postkarten nicht auch die Geschichten und Dramen unserer Leben? Oder die aus den Müllbergen gefischten Körperglieder der Mafiaopfer? Und ganz am Ende, wenn der Urlaub oder die Phantasie zu Ende geht und Palermo im Müll versinkt, als würde der Ätna feuerspucken, dann ist das auch nicht so schlimm. Denn es geht ja darum: „irgendwas zu hinterlassen auf dieser Welt und wenns nur Müll ist“, sagt Elisa.

 

 

Theater KOSMOS

Escorial
von Michel de Ghelderode
Premiere: November 2022

Im Einakter Escorial aus dem Jahre 1927 spielen der König und sein Hofnarr eine Doppelgängerposse. Heulende Hunde, laute Flüche und Peitschenknallen erzeugen eine durchgehend halluzinatorische Atmosphäre, in der sich König und Narr ihrer weltlichen Masken entledigen und sich als Gleichberechtigte gegenüberstehen; ebenbürtig auch in ihrer Hässlichkeit. Im Tausch von Zepter und Schellenkappe versuchen sie, ihre Rollen neu zu definieren -- der eine als Künstler, der andere als Herrscher. Folial, einstiger Liebhaber der im Sterben liegenden Königin, wird von Schmerz und Trauer überwältigt, während ihr Ehemann als König-Narr seine sarkastische Lektion erteilt: "Es ist nicht meines Amts, Trübsal zu blasen!" Die tragische Ironie ihrer Situation offenbart sich bald: Der König hätte einen erfolgreicheren Hofnarren abgegeben, der Narr einen wahrhaftig royalen König; doch beide sind an ihre soziale Rolle gefesselt und agieren nurmehr als Marionetten. Fällt Folial mit königlichem Zepter dieser Illusion zum Opfer und bezahlt den Verrat an seine künstlerische Profession mit dem Tod, so begegnen wir ihm in dem zehn Jahre später verfassten Drama Die Schule der Hofnarren als gereiften Artisten wieder, der das Geheimnis aller großen Kunst für sich entdeckt hat und der seine grausame Mission zu Ende führt.

In der Theater KOSMOS Produktion wird musikalisch nicht Ligeti, aber viel „Tom-Waits-Artiges“ vorkommen: Songs, geschrieben von Schauspieler und Musiker Haymon Maria Buttinger, werden einen wesentlichen Bestandteil der Inszenierung bilden.